Von den Little-Nightmares-Machern: „Reanimal“ begeistert – und frustriert zugleich

Ein düsteres Waisenhaus, ein Kriegsschiff voller toter Wale und zwei Kinder, die sich durch albtraumhafte Bilder schleichen. Klingt nach einem neuen Horror Meisterwerk. Doch hinter der starken Fassade verbirgt sich ein Erlebnis, das euch zugleich staunen und ratlos zurücklassen könnte.

Von den Little-Nightmares-Machern: „Reanimal“ begeistert – und frustriert zugleich

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Ihr habt euch vielleicht gefragt, was Tarsier Studios nach der Übergabe von Little Nightmares 3 als Nächstes plant. Die Antwort heißt Reanimal und ist ein Horror Adventure, das audiovisuell brilliert, spielerisch jedoch deutlich schlanker ausfällt als viele von euch es erwarten dürften.

Eine albtraumhafte Reise ohne klare Antworten

Wie schon bei Little Nightmares begleitet ihr erneut zwei Kinder durch verstörende Schauplätze. Ein heruntergekommenes Waisenhaus, zerbombte Schützengräben und ein Kriegsschiff mit toten Walen bilden die Kulisse für eine Geschichte, die euch mehr Fragen stellt als Antworten liefert.

Reanimal kommt zwar mit deutscher Vertonung daher, doch gesprochene Dialoge sind rar. Vieles bleibt bewusst kryptisch. Ihr müsst selbst interpretieren, was hinter den teils drastischen Motiven steckt. Dabei schreckt das Spiel nicht vor schweren Themen wie Suizid, Kindesmisshandlung oder Krieg zurück und zeigt diese teilweise explizit.

Das Problem ist weniger die düstere Erzählweise, sondern das abrupte Ende. Nach etwas mehr als vier Stunden erscheint plötzlich ein Danke fürs Spielen Bildschirm. Und ihr sitzt da, als hätte euch jemand mitten im Satz den Ton abgedreht.

Mehr Walking Simulator als Rätsel Abenteuer

Spielerisch erinnert Reanimal eher an einen atmosphärischen Spaziergang durch die Hölle als an ein klassisches Rätsel Spiel. Ihr schleicht, versteckt euch vor Feinden oder lauft davon. Es gibt genau einen Bosskampf und wenige interaktive Elemente. Zwar steuert ihr zwischendurch ein kleines Holzboot oder sogar einen Panzer, doch die Level sind streng linear. Ladezeiten gibt es kaum und ihr könnt das Spiel in einem Rutsch durchspielen.

Im direkten Vergleich mit Little Nightmares wirkt das Gameplay deutlich reduziert. Wer auf komplexe Rätsel oder abwechslungsreiche Mechaniken gehofft hat, dürfte sich unterfordert fühlen. Hier stellt sich schnell die Frage, ob die Entwickler bewusst alles auf Atmosphäre gesetzt haben und dafür spielerische Tiefe geopfert wurde.

Koop mit cleverer Idee und großem Haken

Reanimal könnt ihr allein oder zu zweit erleben. Es gibt Online und Couch Koop, Crossplay zwischen PC und Konsolen sowie einen Freundespass. Das bedeutet, nur eine Person muss das Spiel kaufen. Klingt fair, hat jedoch einen Haken. Beide Figuren müssen stets dicht beieinander bleiben. Entfernt ihr euch zu weit, verschwimmt das Bild und ihr sterbt. Dieses Nähe System sorgt immer wieder für Frust, besonders wenn ihr in hektischen Momenten nicht schnell genug reagiert. Technisch lief die PS5 Version stabil, während es auf dem PC laut Testberichten zu Abstürzen und sogar zu einem schwerwiegenden Bug kam, der das Weiterspielen verhinderte.

Ein audiovisuelles Meisterwerk mit bitterem Beigeschmack

Wenn Reanimal in einem Punkt glänzt, dann bei der Präsentation. Die düstere Optik ist beeindruckend und die reduzierte Klangkulisse erzeugt eine dichte, unheilvolle Atmosphäre. Mit Kopfhörern wirkt das Ganze noch intensiver. Allerdings ist das Spiel teilweise so dunkel, dass ihr eure Figur kaum erkennt. Mehr Helligkeit hilft nur bedingt, da das Bild dann ausgewaschen wirkt. Accessibility Optionen wie frei belegbare Tasten oder farbliche Hervorhebungen fehlen ebenfalls.

Mit einem Preis von 40 Euro für rund vier Stunden Spielzeit und bereits angekündigten kostenpflichtigen DLCs bleibt ein fader Nachgeschmack. Gerade wenn man den Umfang mit Titeln wie Hollow Knight: Silksong vergleicht, stellt sich die Frage nach dem Preis Leistungs Verhältnis. Am Ende müsst ihr selbst entscheiden, ob euch eine meisterhafte Atmosphäre reicht. Reanimal ist kein schlechtes Spiel. Aber es ist eines, das euch entweder vollkommen in seinen Bann zieht oder mit einem Schulterzucken zurücklässt.

Wusstet ihr schon?

  • Wusstet ihr schon, dass Tarsier Studios bereits 2004 gegründet wurde und lange Zeit vor allem als Auftragsstudio arbeitete, bevor mit Little Nightmares der internationale Durchbruch gelang?
  • Little Nightmares verkaufte sich laut Publisher Bandai Namco weltweit mehrere Millionen Mal und entwickelte sich dadurch zu einer festen Größe im Horror Adventure Genre.
  • Reanimal wurde nach der Übergabe von Little Nightmares 3 an ein anderes Studio als neues Herzensprojekt von Tarsier angekündigt und sollte bewusst eine eigenständige Marke etablieren, auch wenn die stilistischen Parallelen unverkennbar sind.
  • Das Spiel greift inhaltlich schwere Themen wie Krieg, Misshandlung und Verlust auf. Solche Motive sind im Horror Genre zwar nicht ungewöhnlich, werden hier jedoch besonders explizit und atmosphärisch dicht inszeniert.
  • Mit dem integrierten Freundespass folgt Reanimal einem Modell, das bereits bei anderen Koop Titeln erfolgreich eingesetzt wurde, um die Einstiegshürde für gemeinsames Spielen zu senken.

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