The Marshall Plan for Novel Writing (Evan Marshall)

Manche Schreibende betrachten das Verfassen eines Buches als unberechenbaren kreativen Sturm. Doch was passiert, wenn man diesen Prozess wie ein präzises architektonisches Projekt angeht? Entdeckt ein System, das nichts dem Zufall überlässt und durch klare Formeln besticht.

The Marshall Plan for Novel Writing (Evan Marshall)

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Wir holen euch genau dort ab, wo der textliche Stillstand oft am frustrierendsten ist. Wenn ihr bereits einmal mittendrin den roten Faden verloren habt und vor einem Berg unfertiger Kapitel standet, bietet euch dieser tiefgehende Leitartikel eine völlig neue Perspektive. Wir widmen uns heute ausführlich dem hochstrukturierten Konzept des renommierten Literaturagenten Evan Marshall. Ihr erfahrt detailliert, wie sein Bauplan in sechzehn Phasen funktioniert und warum er für kommerzielle Unterhaltungsliteratur so effektiv ist. Wir betrachten die strikte Unterteilung in Handlungsabschnitte und diskutieren die Vorzüge fester Rollenbilder. Außerdem werfen wir einen ehrlichen Blick auf mögliche Einschränkungen dieser Methodik. Dazu integrieren wir zudem eine übersichtliche Tabelle, die alle Schritte präzise benennt. Am Ende, so wünschen wir uns, wisst ihr exakt, ob dieser analytische Weg zu eurem nächsten Manuskript passt.

Die Ursprünge des industriellen Plottens

Evan Marshall ist nicht nur ein bekannter Literaturagent in der Verlagsbranche, sondern auch selbst ein veröffentlichter Autor. Er verfasste unter anderem die populäre Krimireihe Hidden Manhattan sowie die Jane & Winky Serie, welche von Kritikern gerne mit Werken von Agatha Christie verglichen wird. Aus seiner umfassenden Erfahrung heraus entwickelte er ein System, das den oftmals unberechenbaren Schreibprozess in eine planbare Abfolge verwandeln soll.

Sein Ansatz richtet sich vor allem an Personen, die kommerzielle Fiktion schreiben und dabei auf bewährte, marktkonforme Strukturen setzen möchten. Das Konzept wurde in seinem Leitfaden The Marshall Plan for Novel Writing publik gemacht. Es ist als ein Programm konzipiert, das euch von der allerersten Idee bis hin zum vollständig formatierten Manuskript leitet. Dabei räumt er mit dem romantischen Bild auf, dass ein Buch rein aus einem diffusen Bauchgefühl heraus entstehen muss. Vielmehr fordert er eine akribische Vorarbeit, um erzählerische Sackgassen und spätere aufwendige Überarbeitungen konsequent zu vermeiden.

Die 16 Schritte des Marshall Plans im Detail

Um euch die Orientierung zu erleichtern, haben wir die Methodik in einer klaren Struktur aufbereitet. Das System ist in fünf große Phasen unterteilt, die insgesamt sechzehn aufeinander aufbauende Arbeitsschritte umfassen.

Hier ist die detaillierte Übersicht für eure Planung:

ArbeitsphaseSchrittFokus und inhaltliche Beschreibung
Phase 1: Vorbereitung1. Das Genre findenIhr wählt ein literarisches Genre aus, das ihr selbst leidenschaftlich gerne lest und das derzeit auf dem Markt gefragt ist.
2. Die Idee formenAlles beginnt mit einer drastischen Krise. Ihr entwerft ein Szenario, das das Leben der Hauptfigur massiv stört und eine sofortige Handlung erzwingt.
3. Den Lead erschaffenIhr kreiert euren Protagonisten (den Lead) mithilfe einer detaillierten Faktenliste. Charakterliche Tiefe, ein klares Ziel und starke Motivation sind hier Pflicht.
4. Nebenfiguren definierenIhr besetzt die festen Rollen: Die oppositionelle Kraft, den Vertrauten als moralische Stütze und gegebenenfalls die romantische Verwicklung.
Phase 2: Das Plotten5. Der richtige StartIhr lernt die klassische Dreiteilung kennen (Einleitung, Mittelteil, Schluss) und berechnet die exakte Anzahl der benötigten Handlungsabschnitte.
6. Stränge verwebenIhr entwerft Nebenhandlungen (Subplots) für eure Nebenfiguren und verknüpft diese systematisch mit der primären Handlung.
7. Überraschungen planenIhr konstruiert gezielte Wendungen, um die Leserschaft kontinuierlich an die Seiten zu fesseln.
8. Das Ende vorbereitenIhr plant den krönenden Abschluss, bei dem alle Handlungsstränge logisch zusammengeführt und aufgelöst werden.
Phase 3: Das Schreiben9. Alles zusammenfügenIhr bringt eure erstellten Tabellen und Charakterlisten in eine finale, übersichtliche Form.
10. Schreibmodi Teil IIhr erlernt die technische Umsetzung von rasanter Action, treibenden Dialogen und knackigen Zusammenfassungen.
11. Schreibmodi Teil IIIhr integriert tiefgründige Gedanken, Gefühle und Hintergrundinformationen (Backstory) fließend in euren Text.
12. Den Entwurf beendenIhr setzt euch feste Schreibzeiten, fokussiert euch auf kontinuierlichen Fortschritt und schließt die Rohfassung konsequent ab.
Phase 4: Überarbeitung13. Der eigene Lektor seinIhr prüft den Text auf Logikfehler, streicht unnötige Adjektive und sorgt für eine klare, prägnante Sprache.
14. Der FeinschliffIhr passt die Wortzahl an euer Ziel an und formatiert das Manuskript nach professionellen Verlagsstandards.
Phase 5: Vermarktung15. Das Exposé verfassenIhr schreibt eine fesselnde Zusammenfassung im Präsens, die als Verkaufsargument dient.
16. Agenten ansprechenIhr bereitet die professionelle Einreichung bei Literaturagenturen und Verlagen vor.
Die Marshall-Methode gleicht einem Bauplan für euren Roman
Die Marshall-Methode gleicht einem Bauplan für euren Roman

Die fundamentale Vorbereitung (Schritt 1 bis 4)

Bevor ihr auch nur ein einziges Wort eurer eigentlichen Geschichte tippt, verlangt der Plan wichtige strategische Entscheidungen. Im ersten Schritt müsst ihr euer Genre glasklar definieren und euch für eine Nische entscheiden, die ihr selbst leidenschaftlich gerne lest. Im zweiten Schritt formt ihr eure grundlegende Idee. Die Prämisse basiert stets auf einer drastischen Krise, die den Alltag eurer Hauptfigur zerschlägt und sie zu einer sofortigen Handlung zwingt.

Der dritte und vierte Schritt widmen sich der detaillierten Konstruktion eures Personals. Ihr erstellt für eure Hauptfigur eine umfassende Liste mit Fakten, die sogenannte Character Fact List. Diese beinhaltet neben Äußerlichkeiten und Hintergrundinformationen zwingend ein klares Ziel sowie eine nachvollziehbare Motivation. Auch die Nebenrollen unterliegen festen Kategorien wie der oppositionellen Kraft (Opposition), einem Vertrauten (Confidant) sowie optional einer romantischen Verwicklung (Romantic Involvement).

Das mathematische Herzstück (Schritt 5)

Das besondere Novum und der am intensivsten diskutierte Aspekt dieses Modells ist der Verzicht auf herkömmliche Szenen. Stattdessen arbeitet das System mit sogenannten Sektionen, wobei eine Einheit in der Regel vier bis sechs Manuskriptseiten umfasst. Die Innovation liegt in der mathematischen Berechnung eures gesamten Romans. Anhand einer festgelegten Zielwortzahl eures gewählten Genres berechnet ihr vorab die genaue Anzahl der benötigten Sektionen.

Ein Roman mit fünfzigtausend Wörtern erfordert nach dieser Formel beispielsweise genau vierzig Sektionen. Diese Aufteilung folgt der klassischen Struktur. Zehn Sektionen bilden das erste Viertel für die Einleitung, zwanzig Sektionen füllen die Mitte und die finalen zehn Sektionen bilden das letzte Viertel für den Schluss. Durch diese strikte Kalkulation mittels des sogenannten NovelMaster wisst ihr zu jedem Zeitpunkt, wie viel Raum euch zur Verfügung steht.

Aktion und Reaktion als erzählerischer Motor

Diese berechneten Einheiten werden in zwei essenzielle Kategorien unterteilt, die den Herzschlag der Narration bilden. In einer Action Section versucht eure Hauptfigur aktiv ein kurzfristiges Ziel zu erreichen, trifft dabei jedoch auf Gegenwehr. Diese Einheit endet zwingend mit einem Fehlschlag oder einer neuen, noch schwerwiegenderen Komplikation.

Darauf folgt unweigerlich eine Reaction Section. Hier muss die Figur den erlittenen Fehlschlag zunächst emotional verarbeiten. Nach der ersten Verzweiflung analysiert sie die Situation rational und formuliert ein neues Ziel, welches direkt in die nächste Aktionsphase überleitet. Dieser beständige Wechsel garantiert eine organische Steigerung der erzählerischen Spannung und verhindert stagnierende Handlungsverläufe sehr wirkungsvoll.

Unsere Praxiserfahrung mit dem industriellen Plotten

Ich möchte an dieser Stelle eine eigene Erfahrung aus der Begleitung der Story einer Freundin mit euch teilen. Bei einem komplexen Spannungsroman hatte sie sich vor einigen Jahren in eine kreative Sackgasse manövriert und bat mich um Input von außen. Nach einer Weile des Betalesens fiel mir auf, dass sie zahlreiche Charaktere eingeführt und den Überblick über die parallelen Handlungsstränge verloren hatte. Dadurch wurde das Schreiben für sie immer zäher und der Mittelteil flachte schließlich ab, bis sie sich selbst blockiert hat.

Was hat letztlich geholfen? Nun, tatsächlich in diesem Fall die Mechanik, die auch Evan Marshall bei seinen Werken einsetzt. Den Text radial in Aktionsabschnitte und Reaktionsabschnitte zu teilen, hat nicht nur dabei geholfen, die Handlungsstränge zu sortieren. Es hat nebenbei auch eine weitere Schwäche enthüllt, zu der man bei Thrillern schnell neigen kann: Ihre Hauptfiguren hatten zwischen den Aktionsszenen praktisch keine Abschnitte, in denen eine emotionale Verarbeitung stattfand. Das kann nicht nur den Effekt der Handlung abflachen, weil sich Aktion an Aktion reiht. Tatsächlich wirkt es sogar unglaubwürdig auf den Leser.

Ich gebe euch dabei mal ein Beispiel: Wenn ihr einen Polizisten habt, der gerade eine Schießerei mit seinem Partner gegen Gangster knapp überlebt hat, dann sollte daraufhin eine Reaktion folgen. Er sollte darüber reflektieren, dass er knapp mit dem Leben davongekommen ist oder wie nahe er daran war, seinen Partner zu verlieren. Oder vielleicht, dass nur seine Handlung ihn vor Schlimmerem bewahrt hat. Wenn ihr hingegen danach direkt zu dem Verhör eines der festgenommenen Gangster springt, ohne darauf je einzugehen? Dann läuft das nicht zugunsten des Tempos eurer Geschichte: Es geht auf Kosten ihrer Tiefe. Marshalls Plan wirkte anfangs wie pures Malen nach Zahlen, kann aber genau bei diesen Storylines ihre Wirkung entfalten.

Die Kunst der verwobenen Nebenhandlungen (Schritt 6)

Ein weiterer zentraler Bestandteil des Programms ist der professionelle Umgang mit Nebenhandlungen. Das System fordert die Entwicklung von untergeordneten Handlungssträngen, die logisch mit der primären Geschichte verknüpft werden müssen. Eine einzige durchgehende Handlungslinie reicht selten aus, um einen Roman über hunderte Seiten hinweg fesselnd zu gestalten.

Diese Nebenlinien gehören häufig zu den Nebenfiguren, wie etwa dem Antagonisten oder dem romantischen Interesse. Durch das systematische Wechseln zwischen Hauptplot und Subplot in den verschiedenen Sektionen entsteht eine komplexe, dicht gewebte Erzählstruktur. Das System bietet konkrete Vorlagen, um genau zu protokollieren, wann welcher Handlungsstrang pausiert und wann er wieder aufgenommen wird. So stellt ihr sicher, dass keine losen Enden zurückbleiben und das Publikum kontinuierlich mit neuen Informationen versorgt wird.

Die Beherrschung der literarischen Werkzeuge (Schritt 10 und 11)

Sobald das Handlungsgerüst aus Sektionen und Plotlinien steht, widmet sich der Leitfaden der eigentlichen Schreibarbeit. Hierbei werden verschiedene Schreibmodi definiert, die es handwerklich zu meistern gilt. Dazu gehören die Konstruktion von rasanter Aktion, das Verfassen prägnanter Zusammenfassungen sowie das Schreiben treibender Dialoge.

Ein weiterer Fokus liegt auf dem korrekten Einweben von Hintergrundinformationen und der klaren Darstellung von Gefühlen und Gedanken. Das Ziel ist es, dem Leser die notwendigen Fakten über die fiktive Welt und die Motivationen der Figuren zu vermitteln, ohne den Lesefluss durch langatmige und trockene Erklärungen ins Stocken zu bringen. Nur durch die nahtlose Verbindung dieser Elemente entsteht ein immersives Leseerlebnis.

Der Weg zur Publikation und Selbstredaktion (Schritt 13 bis 16)

Der Plan endet nicht mit dem Schreiben des letzten Wortes. Marshall integriert klare Leitfäden für die nachfolgenden Arbeitsschritte. In Schritt dreizehn werdet ihr zu eurem eigenen Lektor ausgebildet. Ihr prüft den Text auf logische Fehler, entfernt überflüssige Adjektive und eliminiert konsequent redundante Passagen. Danach passt ihr die endgültige Länge eures Werkes an die zuvor definierte Zielwortzahl an.

Die finalen Schritte bereiten euch gezielt auf den Literaturmarkt vor. Ihr lernt, ein professionelles Exposé zu verfassen, das als starkes Verkaufsargument gegenüber Verlagen fungiert. Dieses Exposé fasst die gesamte Handlung prägnant im Präsens zusammen. Damit schließt sich der Kreis von der ersten vagen Idee bis zum vermarktbaren Endprodukt, mit dem ihr gezielt Literaturagenten ansprechen könnt.

Einschränkungen und Kritikpunkte der Methode

So effektiv dieses System für viele Schreibende auch sein mag, es besitzt durchaus Limitationen. Kritiker merken häufig an, dass die starre Vorgabe von Sektionen sehr mechanisch und einschränkend wirken kann. Ein wesentlicher Kritikpunkt betrifft die Wahl der Erzählperspektive. Der Plan geht oft davon aus, dass eine Geschichte aus den Blickwinkeln mehrerer Figuren erzählt wird.

Wenn ihr euren Roman ausschließlich aus der Sicht einer einzigen Person verfassen möchtet, müsst ihr die vorgeschriebene Sektionsanzahl oftmals mühsam anpassen, um inhaltliche Längen oder Wiederholungen zu vermeiden. Zudem eignet sich dieser analytische Ansatz weniger für tiefgründig literarische Werke, die vorwiegend von einer poetischen Sprache leben. Wer gerne intuitiv schreibt und sich von seinen Figuren leiten lassen möchte, wird sich durch die strengen Formeln schnell eingesperrt fühlen.

Habt ihr eure Romane schon einmal nach solch einem streng berechneten Prinzip in Aktionsabschnitte und Reaktionsphasen unterteilt, oder schreckt euch dieser fast schon architektonische Ansatz beim Schreiben eher ab? Teilt eure persönlichen Meinungen und Erfahrungen zu diesem hochstrukturierten Modell sehr gerne mit uns in den Kommentaren!

Über die Autorin: Ivy Snow

Ivy Snow entdeckte das Geschichtenschreiben bereits im Alter von 12 Jahren für sich. Was ursprünglich mit Fanfictions über Charaktere aus Dragon Ball Z begann, mündete schnell in der Erschaffung eigener, fantastischer Welten. Heute schreibt sie bevorzugt Dark Fantasy mit queeren Protagonisten, packenden Horror oder nervenaufreibende Thriller – stets inspiriert von literarischen Vorbildern wie Markus Heitz und Stephen King. Wenn sie nicht gerade in die dunklen Abgründe ihrer eigenen Romane abtaucht, verdient sie seit über fünf Jahren als Onlineredakteurin unter verschiedenen Pseudonymen ihre Brötchen.

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