Anime-Epos mit Shakespeare-Flair: Scarlet beeindruckt, verschenkt aber Potenzial

Eine Prinzessin zwischen Rache und Reue, eine Welt jenseits von Raum und Zeit und ein Regisseur, der Literaturgeschichte mit Anime-Ästhetik vermischt. Scarlet will großes Gefühlskino sein. Doch schafft es das Werk wirklich, sein volles Potenzial zu entfalten?

Anime-Epos mit Shakespeare-Flair: Scarlet beeindruckt, verschenkt aber Potenzial

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Wenn Mamoru Hosoda zurückkehrt, dann selten leise. Mit Scarlet präsentiert der Regisseur erneut ein Werk, das Emotionen, Zeitebenen und zwischenmenschliche Konflikte vereint. Doch diesmal greift er noch tiefer in die Literaturgeschichte und kombiniert klassische Motive mit einer sehr klaren Botschaft.

Zwischen Hamlet und Anderswelt

Im Mittelpunkt steht Scarlet, eine dänische Prinzessin, die den Mord an ihrem Vater rächen will. Der Täter ist ihr eigener Onkel. Jahre der Vorbereitung führen schließlich ins Nichts. Scarlet wird vergiftet und landet in einer Zwischenwelt, die weder Leben noch Tod kennt.

Dort trifft sie auf Hijiri, einen ehemaligen Notfallsanitäter aus der Gegenwart. Während Scarlet weiterhin von Wut getrieben wird, versucht Hijiri sie mit Empathie und Mitgefühl zu erreichen. Das klingt simpel und genau darin liegt die Krux. Denn Hosoda orientiert sich deutlich an Hamlet, greift Motive aus Dantes Göttlicher Komödie auf, nutzt diese Einflüsse jedoch nur oberflächlich.

Ihr müsst die literarischen Vorlagen nicht kennen, um der Geschichte zu folgen. Dennoch bleibt das Gefühl, dass hier mehr möglich gewesen wäre. Die Anderswelt wird als Ort jenseits aller Zeiten beschrieben, doch tatsächlich bleibt Hijiri die einzige Figur aus einer moderneren Epoche.

Visuelle Wucht mit eigenem Charakter

Wo Scarlet narrativ vereinfacht, glänzt der Film visuell umso stärker. Die Anderswelt kombiniert fotorealistische Hintergründe mit computeranimierten Figuren, die bewusst nicht ganz in ihre Umgebung passen. Das erzeugt eine spürbare Fremdheit, die hervorragend zur Geschichte passt.

Besonders beeindruckend ist ein gewaltiger Drache, der nicht nur optisch ein Highlight darstellt. Auch die unterschiedlichen Erzählebenen erhalten eigene Stilrichtungen. Rückblenden wirken wie Wachs Gemälde, während Szenen der Gegenwart detailreich und modern gestaltet sind.

Ganz ohne Schwächen kommt das jedoch nicht aus. Manche Animationen wirken steif und eine musikalische Einlage im J Pop Stil fühlt sich eher befremdlich als organisch an. Trotzdem bleibt die visuelle Handschrift unverkennbar und mutig.

Rache ist doof oder einfach ehrlich

Inhaltlich läuft vieles auf eine klare Botschaft hinaus. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Empathie ist stärker als Hass. Hijiri verkörpert diese Moral fast schon lehrbuchhaft, was teilweise naiv wirkt. Seine Dialoge erinnern eher an ein kleines Einmaleins des Mitgefühls als an philosophische Tiefe.

Und dennoch funktioniert es. Gerade weil Scarlet sich glaubwürdig entwickelt. Aus der verbitterten Rächerin wird Schritt für Schritt eine reflektierte Persönlichkeit. Diese Transformation trägt den Film emotional und mündet in ein Finale, das durchaus zu Tränen rühren kann.

Ob euch das gefällt, hängt stark davon ab, wie sehr ihr euch auf diese Offenheit einlassen wollt. In einer Popkultur, die oft von Zynismus geprägt ist, wirkt Scarlet fast wie ein bewusstes Gegenprogramm.

Fazit: Schön, schlicht und emotional

Scarlet ist kein komplexes Meisterwerk mit vielschichtiger Dramaturgie. Die Moral ist plakativ und manche Ideen bleiben ungenutzt. Dennoch entfaltet der Film eine emotionale Kraft, die sich nicht leugnen lässt. Visuell beeindruckend, erzählerisch einfach und in seiner Naivität überraschend ehrlich. Wenn ihr bereit seid, euch auf diese Mischung einzulassen, erwartet euch ein Anime Abenteuer, das vielleicht nicht perfekt ist, aber dennoch lange nachhallt.

Wusstet ihr schon?

  • Wusstet ihr schon, dass Mamoru Hosoda schon mehrfach mit literarischen Motiven gearbeitet hat?
    In Das Mädchen, das durch die Zeit sprang griff er lose auf einen gleichnamigen japanischen Science Fiction Roman von Yasutaka Tsutsui zurück. Auch in Belle verarbeitete er Motive aus Die Schöne und das Biest in einer digitalen Neuinterpretation.
  • Wusstet ihr schon, dass Hamlet zu den am häufigsten adaptierten Stoffen der Filmgeschichte gehört?
    William Shakespeares Tragödie wurde weltweit in hunderten Versionen umgesetzt, darunter klassische Kinoverfilmungen, moderne Neuinterpretationen und sogar Animationsadaptionen. Scarlet reiht sich damit in eine lange Tradition filmischer Hamlet Varianten ein.
  • Wusstet ihr schon, dass Mamoru Hosoda ursprünglich bei Studio Ghibli arbeiten sollte?
    Er war zeitweise als Regisseur für Das wandelnde Schloss vorgesehen, verließ das Projekt jedoch frühzeitig. Später gründete er gemeinsam mit Produzent Yuichiro Saito das Studio Chizu, unter dessen Banner Filme wie Wolfskinder und Belle entstanden.

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