Führt der boomende Gebrauchtbuchmarkt zu einer Schieflage im deutschen Buchhandel?

Der Gebrauchtbuchmarkt boomt. Geht das auf Kosten der Buchhandlungen? Warum viele Händler:innen die Preisbindung nicht retten kann und welche Folgen das für Vielfalt und Kultur hat.

Führt der boomende Gebrauchtbuchmarkt zu einer Schieflage im deutschen Buchhandel?

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Der Gebrauchtbuchmarkt wächst und wächst. Doch freut sich darüber wirklich jede:r im Buchhandel? Immer öfter hört man die Frage: Führt der florierende Handel mit gebrauchten Büchern zu einer Schieflage im deutschen Buchmarkt?

Der Gebrauchtbuchhandel: ein schwieriges Thema für Buchhandlungen

Vanessa Eggers, Buchhändlerin bei der Hamburger Krimiwelt und Mitglied der Verbundgruppe eBuch, beschäftigt sich seit längerem mit den Ursachen für rückläufige Umsätze im stationären Buchhandel. Für sie ist klar: Das Problem liegt zum großen Teil im boomenden Gebrauchtbuchmarkt.

„Wie kann es sein, dass aktuelle Titel so günstig online zu haben sind?“ fragt sie.

Während Buchhandlungen an die Buchpreisbindung gebunden sind und kaum Spielraum für Rabatte haben, werden gebrauchte Bücher auf Plattformen wie momox oft zum Schleuderpreis angeboten. Das führt zu einer wirtschaftlichen Schieflage, die Eggers als „riesiges Problem“ bezeichnet. Sie sieht die Gefahr, dass durch den Preisverfall nicht nur Buchhandlungen, sondern auch die Vielfalt im Buchmarkt sowie kleine Verlage und Autor:innen leiden.

Rechtliche Grenzen der Buchpreisbindung beim Gebrauchtbuchhandel

Birgit Menche, Preisbindungsbevollmächtigte des Sortiments beim Börsenverein, bestätigt die Sorgen. Sie betont jedoch auch die rechtlichen Grenzen: Der Handel mit gebrauchten Büchern ist grundsätzlich erlaubt.
Anders als bei Mängelexemplaren gibt es keine praktikablen Regelungen, wie etwa eine Abstufung nach Zustand, die die Preisbindung für gebrauchte Bücher durchsetzen könnten. Das macht es für den Sortimentsbuchhandel schwierig, sich gegen die günstigen Online-Angebote zu behaupten. Momox betont, dass ihr Sortiment auf Second-Hand-Bücher spezialisiert ist, die meist in gutem Zustand sind und oft nur einmal gelesen wurden. Ergänzend bietet das Unternehmen auch Neuware zum Ladenpreis an, um ein vollständiges Angebot zu gewährleisten. Dennoch melden sie seit Jahren steigende Umsätze im Gebrauchtbuchsegment. Dies erhöht den Druck auf den traditionellen Handel.

gebrauchte Bücher verkaufen

Folgen für den Buchmarkt und mögliche Lösungsansätze

Vanessa Eggers sieht in der Verramschung von Büchern ein Problem jenseits des Preises: „Aber hier geht es nicht um ein in Asien zusammengeschustertes Shirt für 4,99 Euro, sondern um ein Kulturgut.“

Bücher sind das Ergebnis oft jahrelanger Arbeit von Autor:innen, Übersetzer:innen und Verlagen. Wenn die wirtschaftliche Basis der Buchhandlungen weiter schwindet, droht nicht nur der Verlust von Verkaufsorten, sondern auch eine Verarmung der kulturellen Vielfalt. Ein Vorschlag aus der Branche ist, dass Plattformen wie momox beim Verkauf gebrauchter Bücher eine Abgabe an die VG Wort zahlen sollten, etwa analog zu Bibliothekstantiemen. Damit könnten Urheber:innen wenigstens an der Wertschöpfung beteiligt werden, die durch die Weitervermarktung ihrer Werke entsteht.

Der Gebrauchtbuchmarkt ist also kein Randphänomen mehr, sondern eine Herausforderung für den gesamten Buchhandel in Deutschland. Ob und wie sich die Branche anpassen wird, bleibt spannend. Für euch als Buchfans bedeutet das vor allem, dass Vielfalt und lebendige Buchhandlungen auf Unterstützung angewiesen sind. Gerade in Zeiten, in denen alles teurer wird, ist die Beliebtheit des Gebrauchtbuchhandels absolut nachvollziehbar. Wer aber die Möglichkeit und das Interesse daran hat, sollte ab und an auch in der lokalen Buchhandlung vorbeischauen, damit diese noch lange erhalten bleibt.

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